Juliane Junge-Hoffmeister

Dr. rer. nat. Dipl.-Psych.

  • Psychologin
  • Studium und Promotion an der Stanford-University in Kalifornien, USA
  • Forschung an der TU Dresden sowie am Universitätsklinikum Dresden
  • Wissenschaftliche Arbeit und Publikationstätigkeit zur Entstehung und familiären Übertragung psychischer Störungen, insbesondere rund um Schwangerschaft und Geburt sowie den klinischen Möglichkeiten zur frühzeitigen Prävention und Intervention bei Mutter und Kind
  • Psychologische Psychotherapeutin für Erwachsene, Kinder und Jugendliche
  • Psychotherapeutische Mutter-Vater-Kind-Praxis
  • Dozentin, Supervisorin und Autorin

Vortrag

Schwangerschaftsspätabbruch – Psychosomatische Beratung zwischen emotionalem und ethischen Dilemma

Nicht jede Schwangerschaft verläuft wunschgemäß. Ergeben sich in ihrem Verlauf Komplikationen, d.h. in der Regel besorgniserregende fetale Befunde, aber auch ausgeprägte psychische Belastungskonstellationen der Schwangeren bzw. Familie, steht schnell die Frage im Raum, ob die Schwangerschaft auch noch nach der 14. SSW abgebrochen werden kann und soll. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen nach §218a Abs. 2 SGB erlauben einen solchen Spätabbruch nur, wenn der Frau jetzt oder später Lebensgefahr oder schwerwiegende körperliche und/oder seelische Beeinträchtigungen des Gesundheitszustandes drohen. Gleichzeitig wird oftmals suggeriert, dass die fetale Diagnose ein hinreichender Grund für einen Spätabbruch sei.

Diese Konstellation führt die Frauen/Familien und auch die Beratenden in ein mehrfaches Dilemma. Entscheidungsleitend für die Eltern ist oftmals der (erwartete) Gesundheitszustand des Kindes und dessen postpartale Entwicklungsperspektive. Dies steht jedoch im Widerspruch zur Gesetzgebung, die eine fetale Indikationsstellung für den Abbruch ausschließt. Falls keine Lebensgefahr oder hochgradige medizinische Risiken für die Frau vorliegen – wie ist in einem einzelnen Beratungsgespräch bei oftmals bereits terminiertem stationären Eingriff die Wahrscheinlichkeit einer späteren schwerwiegenden psychischen Beeinträchtigung zu bewerten? In der Regel haben die Familien ja keine Erfahrung mit der Bewältigung einer solchen Situation und können ihre eigenen Entwicklungspotentiale kaum valide einschätzen. Dies gilt insbesondere, wenn sich die Frauen zunehmend erschöpft durch einen Reigen von Untersuchungen (von Ultraschall bis Chorionzottenbiopsie) gekämpft haben, die über die formale Diagnose hinaus im Ergebnis oftmals nur unklare Wahrscheinlichkeiten für spätere Entwicklungschancen des Kindes ergeben.

Ein Abbruch verspricht dann oftmals ein Ende des emotionalen Wechselspiels, berücksichtigt jedoch nicht immer die langfristigen Konsequenzen einer solchen Entscheidung gegen das Kind. Konfrontiert mit dem Wunsch oder sogar der Forderung des Paares an die beratende Person, die Indikation für den Abbruch zu stellen (dies zum Teil auch deutlich nach 24. SSW bei Notwendigkeit eines Infantizids), befindet diese sich in dem Dilemma, der Gesetzgebung entsprechen zu müssen und die Familie in ihrem emotionalen Ausnahmezustand dennoch gut zu begleiten und ggf. Räume in einem (fast) abgeschlossenen Entscheidungsprozess noch einmal aufzumachen. Eigene ethische Grenzen sind dabei ebenfalls zu berücksichtigen.

Der Vortrag vertieft die vielfältigen ethischen und emotionalen Aspekte im Beratungsprozess an Hand konkreter Fallbeispiele.

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